Das waren die Smart Citizens Labs – Teil 1

Bild © Alan Levine

Im vergangenen Juni fanden drei Smart Citizens Workshops in der Seestadt statt. Jeder der drei Abende widmete sich einem übergeordneten Thema und Interessierte sowie Fachleute konnten ihre Ideen vorstellen, ausführlich diskutieren und weiterentwickeln. Das Team der Smart Citizen Labs berichtet in diesem Beitrag über den ersten Abend, unter dem Motto  „Ressourcen teilen“.

Der Smart Citizens Workshop “Ressourcen teilen” hat in einer feinen Runde am 9. Juni im aspernIQ stattgefunden. Im Anschluss an 5 Impuls-Präsentationen, die in die Themen einführten, wurde an zwei Tischen wurde zu den Themen „Teilen” und “Geplante Obsoleszenz” diskutiert.

Zum Abschluss wurde gemeinsam überlegt, wie das Smart Citizens Lab dazu beitragen kann das Thema “Ressourcen teilen” in die Breite zu tragen und mehr smart Citizens zu erreichen.

Diskussionstisch „Teilen“

Host und Zusammfassung: Gernot Tscherteu

Am Tisch befanden sich DI Maria Kalleitner-Huber vom Projekt „UrbanFoodSpots“ und Mag. Valentin Schmiedleitner vom Projekt „Frag Nebenan“ Antworten auf die unten gestellten Fragen spiegeln auch die spezifischen Hintergründe der Projekte wider – und sind evtl nicht ohne Weiteres auf andere Projekte übertragbar. Es handelt sich im folgenden um keine wörtlichen Zitate sondern um Sätze, welche die Wortmeldungen und die Diskussion lediglich sinngemäß wiedergeben und zusammenfassen sollen.

Wie schaffe ich eine gute Kooperationsbasis?

Zunächst brauchst du eine gute Story, die du über Medien vertreiben kannst, Wir hatten auch das glück dass uns jemand von der APA geholfen hat, die Story gut zu formulieren und unter die Leute zu bringen. Unser Glück war auch, dass es grad kein großes Medienthema zu jener Zeit gab, sodass wir in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden.

Medien als Partner zu gewinnen ist wichtig. Auch scheinbar „kleinere“ Medien wie die Bezirkszeitung können viel bewirken.

Poste in verwandten Services und Blogs. Es geht auch darum an einer „Ökosphäre“ ähnlicher Projekte teilzunehmen bzw. so eine Sphäre mitaufzubauen – auch in medialer Hinsicht.

Setz nicht nur auf digitale Medien, sondern auch auf gute alte analoge Medien wie Zettel die du verteilst oder im Haus anschlägst.

Wenn du einen physischen Standort suchst – z.B. um ein Gerät wie einen Kühlschrank zum Abgeben von Lebensmitteln abzustellen –  dann wähle einen Ort mit hoher Frequenz.

Vermeide Anonymität um ein größeres Verantwortungsgefühl herzustellen.

Kleine Nachbarschaftsdienste: mit oder ohne Gegenleistung?

Allgemeine Stimmung am Tisch: Geldflüsse sind nicht vorgesehen. Sie sind einerseits nicht zielführend um ein Klima der Nachbarschaftshilfe herzustellen und sie schaffen auch technische Probleme.

Es ist auch oft nicht notwendig eine Gegenleistung vorzusehen. So funktionieren z.B. öffentliche Bücherregale ziemlich passabel.

Schaffe Orte an denen Dinge abgegeben werden können, die man nicht mehr braucht.

Das können Bücher sein, aber auch CDs, DVDs, aber auch Geräte und Werkzeuge aller Art.

Welche Regeln braucht es?

Um einen Überblick über das Angebot zu geben, hat es sich bewährt Dinge / Lebensmittel die abgegeben werden mit Fotos zu dokumentieren und ins Netz zu stellen. Einerseits verschafft es einen Überblick über das verfügbare (Gratis-) Angebot.

Andererseits schafft es auch einen unmittelbaren Anreiz sich ein gerade gepostetes Angebot gleich abzuholen: möglichst frisch und noch bevor es jemand wegschnappt. Das verkürzt die Verweildauer von Gegenständen und verderblichen Lebensmitteln.

Bei Lebensmitteln ist natürlich immer auf die Qualität zu achten.

Selbst gemachte Speisen haben kein aufgedrucktes Ablaufdatum und eignen sich daher sehr schlecht für die anonyme Verteilung über einen offenen Kühlschrank.

Besonders bei Lebensmitteln braucht es eine Eingangskontrolle – z.B wann ist das Ablaufdatum? Das Ablaufdatum sollte auch über das Netz einsehbar sein. Fotos könnten hier hilfreich sein.

Bei der Weiterverwendung von Lebensmittel und anderen Geräten ist auch das geltende Recht oft nicht hilfreich: sobald etwas in einer Mülltonne gelandet ist, ist es Eigentum des Entsorgers und somit rechtlich gesehen ein Diebstahl wenn man es nimmt und weiterverwendet, obwohl dies insgesamt sinnvoller erscheint als es als Müll zu behandeln.

Nicht jeder Bereich muss allerdings so streng geregelt sein, wie das bei Lebensmitteln der Fall ist bzw. sein muss.

Im Fall von nachbarschaftlicher Hilfe oder Kommunikation kann man auch auf die Selbstregulierung vertrauen.

Welche (gesellschaftlichen) Rahmenbedingungen brauchen Projekte zum Teilen und Tauschen.

Auch der Handel sollte sich für die Weiterverwendung von Lebensmitteln, die nicht mehr verkauft werden können, verantwortlich fühlen.

Es geht nicht nur darum einzelne Geräte oder Technologien zur Verfügung zu stellen sondern Gesamtsysteme zu designen, die auch den Betrieb, organisatorische Aspekte und Softskills beinhalten. Die Rechtsform des Vereines erscheint geeignet um den Aufbau und Bestand so eines Gesamtsystems nachhaltig zu gewährleisten.

Auf gesellschaftlicher Ebene braucht es Bewusstseinsveränderung und einen kulturellen Veränderungsprozess, der sich schließlich auch in geänderten rechtlichen Rahmenbedingungen niederschlägt.

Diskussionstisch „Geplante Obsoleszenz“

Host und Zusammfassung: Petra Hendrich und Lisa Purker

Am Tisch befanden sich Philipp Hietler vom Projekt „ObsoWas“ und Harald Reichl in Vertretung des Reparatur- und Service Zentruams R.U.S.Z. sowie Dietmar Mayr vom Tauschkreis Verbund. Antworten auf die unten gestellten Fragen spiegeln auch die spezifischen Hintergründe der Projekte wider – und sind evtl nicht ohne Weiteres auf andere Projekte übertragbar. Es handelt sich im folgenden um keine wörtlichen Zitate sondern um Sätze, welche die Wortmeldungen und die Diskussion lediglich sinngemäß wiedergeben und zusammenfassen sollen.

Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich als Individuum um der geplanten Obsoleszenz entgegen zu treten?

Ich kann mich vor dem Kauf informieren, wie ein Produkt verarbeitet ist. Ist es beispielsweise zerstörungsfrei öffenbar um zur eingebauten Technik zu kommen?

Ist ein Gerät kaputt habe ich mehrere Möglichkeiten, um es wieder funktionstüchtig zu machen:

  • ich kann zu einem Reparaturcafé, die beispielsweise von R.U.S.Z. angeboten werden gehen, und unter Anleitung mein Kleingerät selbst reparieren
  • ich kann mir im Internet eine Reparaturanleitung suchen, z.B. unter ifixit.com
  • ich kann mir Talente von “Bastlern” erschließen, indem ich einem Tauschkreis beitrete
  • oder ich suche einen Handwerker aus dem Reparatur- und Service Netzwerk

Will ich ein Gerät nicht mehr nutzen, sollte ich es nicht an den Händler zurück geben. Diese vernichten die Geräte meistens und sie werden so einer Wiederverwendung entzogen.

Besser ist es das Gerät auf einen Flohmarkt zu bringen oder beim Mistplatz (in Wien – denn hier werden Flohmärkte organisiert) mit dem Hinweis auf die Funktionstüchtigkeit abzugeben.

Exkurs: Mistplatz

In der Regel ist es nicht möglich, Dinge vom Mistplatz mitzunehmen. Denn sobald ein Gegenstand dort abgegeben wird, geht es in dessen Eigentum über. In Wien jedoch gibt es von der MA48 veranstaltete Flohmärkte, in anderen Gemeinden ist das nicht der Fall.

Abfall wird hier zum Produkt.

Genügt es auf der individuellen Ebene zu handeln um geplanter Obsoleszenz entgegen zu treten?

Bewusstseinsbildung ist ganz wichtig, um zu bewirken, dass Geräte repariert werden bzw. dass sie überhaupt bis zum Zeitpunkt des Defekts genutzt werden. Beispielsweise Projekte mit SchülerInnen starten, um deren Einkaufsverhalten zu ändern (Stichwort: Psychische Obsoleszenz – etwas ist nicht mehr hip genug).

Ich kann Netzwerke bilden, damit ich die Wahrscheinlichkeit etwas reparieren zu können erhöhe (z.B. Tauschkreis). So kann ich auch einen re-use Kreislauf installieren.

Mittlerweile gibt es in Frankreich ein neues Verbraucherschutzgesetz, das die Langlebigkeit und die Reparatur von Produkten fördert. Ich kann also auch versuchen auf der politischen Ebene zu handeln.

Das R.U.S.Z. hat ein Gütesiegel für reparierfähige Produkte entwickelt. Leider will kein Hersteller seine Geräte testen lassen. Die Vermutung steht im Raum, dass sie alle den Test nicht bestehen würden. Als Konsument kann ich Informationen zur Reparierfähigkeit verlangen und danach meine Produktauswahl treffen.

Ebenso bin ich bei Hardware oft von der Verfügbarkeit von Treibern für ein Produkt abhängig. Auch hier kann ich ohne einen Druck auf die Hersteller auszuüben nichts gegen die Obsoleszenz machen.

Mit wem kann ich kooperieren?

Die Kooperation mit den Herstellern ist schwierig (wie auch schon R.U.S.Z. im Zusammenhang mit dem Gütesiegel gemerkt hat), auch der Handel hat an der Thematik kein Interesse. Die Übersättigung der Märkte scheint das Problem zu sein. Ein möglicher Ansatzpunkt ist die Entwicklung von Servicemodellen, bei denen die Hersteller ein Interesse haben langlebige Produkte zu erzeugen, weil sie selbst für das Service verantwortlich sind und damit ihr Geld verdienen (ähnlich wir bei den Kopierer-Firmen).

Kooperationen zwischen Mistplatz und reuse-Zentren könnten es möglich machen, mehr Geräte zu reparieren, statt sie wegzuwerfen.

Auf der individuellen Ebene kann ich mich über Tauschkreise organisieren und so die Nutzungsdauer und Intensität von Geräten erhöhen, sodass weniger angeschafft werden müssen. Ähnliches kann ich Hausgemeinschaften funktionieren, man teilt und nutzt gemeinsam verschiedene Dinge. Durch die örtliche Nähe ist es einfacher.

Handwerker können sich im Reparaturnetzwerk zusammenschließen und bieten ihre Reparaturdienstleistung an.

Man könnte auch eine kollaborative Datenbank über Produktqualitäten aufbauen, in der ich nachschauen kann, wie reparierfähig ein Produkt ist. Damit hätte ich auch ohne Gütesiegel, das vom Handel mitgetragen wird, die Möglichkeit die Reparaturfähigkeit in meine Kaufentscheidung einzubeziehen.

Dokumentation: Abschlussrunde zur Frage: “Wie tragen wir diese Ideen und Initiativen in die Breite? Was kann das Smart Citizens Lab dazu beitragen?“

Bei der Abschlussrunde haben wir Wortmeldungen und Ideen von allen Anwesenden gesammelt, die hier nun in verkürzter Form zusammengefasst sind.

Die Erfahrung zeigt, dass oft ein Bedürfnis da ist sich zu diesen Themen zu informieren und auch aktiv zu werden. Jedoch fehlt das Wissen über die Initiativen. Daher ist es wichtig Kooperationen von Initiativen zu knüpfen um Synergien zu nutzen und möglichst viele Menschen über unterschiedliche Kanäle erreichen zu können.

Sobald etwas ein “Produkt” ist, ist es hip – daher auch bei diesen Themen ist die Vermarktung wichtig, auch wenn dafür Mechanismen der Konsumgesellschaft genutzt werden.

Einfache Vermittlung ist wichtig, da es eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne gibt.

Es ist nicht nur die breite Verteilung der Ideen wichtig, sondern auch das Knüpfen von strategischen Partnerschaften und Netzwerken, denn auch Netzwerke “teilen” um mehr zu bewegen. Gemeinsames Lobbying ist wichtig, um auch Unterstützung für smarte Initiativen zu bekommen. Ein Kulturwandel ist notwendig.

Aktuell gibt es eine Konsultation bei der EU zum Thema ReUse, bei der sich jedeR einbringen kann.

Bei einem Workshop wie heute passiert viel Lernen und Austausch. Man erkennt Abhängigkeiten.

Role-Models – Vorbilder sind ganz wichtig, zum Beispiel könnte die Stadt Wien nur noch langlebige, reparaturfreundliche Produkte kaufen und damit eine kritische Masse erzeugen.

Das Wissen um diese Initiativen könnte auch an die MitarbeiterInnen der Stadt Wien weitergegeben werden. Beispielsweise hat der Tauschkreis schon Kooperationen mit Gemeinden, da gewisse Services nicht (mehr) über die Gemeinde angeboten werden können, sich aber sozial unter den BewohnerInnen organisieren lassen.

Bei Start eines neuen Projektes ist ein guter Zeitpunkt dieses Wissen und die Ideen einzubringen.

 

Download der Impulspräsentationen und mehr Informationen: http://smartcitizens.at/scl-themenabend-ressourcen-teilen/