Kurze Meldung aus dem Microhaus

Nachdem das Microhaus in der vorletzten Woche bei Höchsttemperaturen zum sprichwörtlichen Brutkasten mutierte, war der Regen der letzten Woche gerade zu wohltuend! Endlich gingen die Temperaturen runter und auch das Schlafen war wieder angenehmer. Vor lauter guter Laune ließ ich mich sogar zu einem Tanz im Regen verleiten…

Doch leider war dieses Regen-Wind-(und, Baustellen bedingt auch, Schlamm-)Intermezzo nur von kurzer Dauer und somit sitze ich schon wieder in meiner Privatsauna auf der Baustelle, flüchte vor den Vorabend-Gelsen und sinniere über Veränderung.

In der Seestadt ist Veränderung allgegenwärtig, man kann beinahe im Wochentakt mitverfolgen wie die Kran-Familien wachsen und die Grassflächen Stück für Stück dem Beton (oder ist es Asphalt?) unterliegen. Die ersten Test-U-Bahnen sind auch schon über die noch nicht eröffnete Erweiterungsstrecke gerollt, und sogar bis in meine, sonst so fiktiv-idyllische Terassenaussicht hat sich inzwischen ein großer Bagger verirrt, welcher Erdhügel aufschüttet wo vorher Wiese war.

Man mag über Stadtentwicklung denken was man will, die einen pragmatischer, die anderen kritischer, darüber möchte ich an dieser Stelle gar nicht urteilen. Doch nun da sich die letzten Tage meines Baustellendaseins nähern und es Zeit wird ein Fazit zu ziehen ist mir doch eines klar:
Was meine Zeit hier so wohltuend und energiegeladen gemacht hat war vor allem die scheinbar „wilde“ Natur: riesige Flächen mit wilden Gräsern, lila Blumen und Meere aus knall rotem Klatschmohn, wie ich sie schon seit meiner Kindheit nicht mehr bewusst wahrgenommen habe.
Ich bin stundenlang in der Gegend rumspaziert und habe diesen Farbentanz genossen.  Auf dem Hügel am See ist die Aussoicht besonder toll. Auch auf meiner Terasse zu sitzen und den Sonnenuntergang bei einer angenehmen Abendbriese zu genießen ist für ein Stadt-Kind wie mich ein absolutes Hightlight: Der Hektik, den vielen Lichtern, der Reizüberflutung und der Geräuschkullisse entfliehen. Im Liegestuhl unter hell leuchtendem Sternenhimmel.
Und trotzdem nicht vollkommen aus der Realität gerissen: Das Ruckeln, Zischen und Brummen der Walzen und Bagger die einen bei der ganzen Romantisiererei in regelmäßigen Abständen auf den Boden der Tatsachen zurück holen.

Dennoch muss ich sagen, dass dieser Status des „Zwichendrin“, besonders aus künstlerischer Sicht, seine Reize hat: Zu kreieren in Mitten einer projezierten Stadt – halb fiktiv, halb spürbare Zukunft – welche sich nach und nach manifestiert.
Wo die Gegensätze „Stadt“ und „Land“, „Mensch“ und „Natur“, „Ordnung“ und Chaos“ (entschuldigt an dieser Stelle die unreflektierte Reproduktion eurozentrisch-binärer Denkstrukturen ;-)) aufeinander treffen, welche trotz ungleichen Voraussetzungen mit einander (im Besten Fall) um einen Konsens ringen.
Hier ziehen sich viele Parallelen zu inneren Kämpfen und Transitionen künstlerischer Schaffensprozesse und somit ist aspern Seestadt auch ein Ort der Inspiration, welcher gleichzeitig von eben jenen Kunstprozessen inspiriert wird:
In dem Monat, welchen ich im Microhaus verbringen durfte habe ich vor allem immer wieder über die tollen Projekte gestaunt, die rund um das ehemalige Rollfeld angesiedelt sind. Engagierte Menschen mit spannenden Visionen, die sich in Bereichen wie Ökologie, Sozialarbeit, Kunst und Kultur betätigen und durch das tolle Miteinander die Atmosphäre nachhaltig bereichern, sich gegenseitig mit ihren Ideen anstecken und neue Energie geben.

Ab nächster Woche werde ich wieder aktiv in eben jene Prozesse eingebunden sein: Ich begleite ein von mir konzipiertes Projekt, welches drei Wochen lang fünf Circus-Künstlerinnen aus verschiedenen Ländern und einer Norwegischen Dramaturgin die Möglichkeit gibt intensiv in der FABRIK PUBLIK zu experimentieren und sich mit dem feministischen Potenzial der Frauencharaktere des Norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen (Im Bezug auf eigene Lebensrealitäten) auseinander zu setzen.

Kirsti Ulvestadt wird dann bis Ende Juli das Microhaus beziehen und aus Dramaturgensicht über ihre Erfahrungen berichten.

am 26. und 27. Juli um 19 Uhr seid ihr alle ganz herzlich eingeladen in der FABRIK PUBLIK an der Vorführung der Künstlerinnen teilzunehmen und im Anschluss hieran mit uns zu diskutieren.

(Textbeitrag: Elena Kreusch)