stadt.schreiben: Pantoffelheld

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Unter meinem Sofa herrscht absolute Ruhe. Es ist der ideale Ort für ein Gespräch, bei dem man nicht gestört werden möchte. Die hektischen Bedingungen des Alltags sind hier unten kaum zu spüren. Unter diesen, ein wenig eigentümlichen Umständen unterhielt ich mich zuletzt mit Emile Beyle, besser bekannt unter seinem literarischen Pseudonym: Stendhal. Allzu verwunderlich ist das nicht, schließlich kommt niemand im Rahmen einer Auseinandersetzung mit Aspern, seiner Umgebung und seiner Geschichte an der großen Schlacht vorbei, die sich Napoleon hier 1809 mit seinem Widersacher Erzherzog Karl von Habsburg geliefert hat. An dieser Auseinandersetzung nahm Stendhal – das mag glauben, wer will – als Angehöriger der französischen Armee teil. Wie übrigens auch an anderen, die uns jedoch an dieser Stelle nicht im selben Maße interessieren.

(Textbeitrag: Hanno Millesi)

Was mich verlockte, war die Neugier, die großen Spiele dieser Jagdhunde, die Menschen heißen, aus nächster Nähe zu betrachten.

Es steht mir nicht zu, dazu etwas zu sagen, nur soviel: Kann es einen besseren Augenzeugen eines Ereignisses von historischer Dimension geben, als einen professionellen Geschichtenerzähler? Stendhal war mit Versorgungsaufgaben betraut und in dieser Funktion seit Mitte Mai 1809 in Wien, das die französischen Soldaten besetzt hielten, stationiert. Die Schlacht begann am 21. Mai.

Glauben Sie nicht, dass es sich bei der Proviantierung um einen Posten für Drückeberger handelte.

Auf einen solchen Gedanken wäre ich nie im Leben gekommen, es ist nur …

In dieser Funktion hatte ich meine eindringlichsten Begegnungen mit dem Grauen in Uniform.

Könnten Sie vielleicht darüber ein bisschen mehr …

Schon mal einem Toten die Hand geschüttelt?

Äh, … bislang, eigentlich … im Grunde …

Gehörte damals zum Einführungszeremoniell, damit ein jeder gleich weiß, woran er ist. Man wendet sich an die erstbeste Leiche – der Ranghöhe wird dabei keinerlei Beachtung beigemessen, eher dem Umstand, ob Arme und Hände überhaupt noch vorhanden sind –, greift nach ihrer Rechten und schüttelt sie tüchtig.

Und ich dachte, Tote wollen nicht gestört werden.

Zu meinen Aufgaben gehörte es nun mal, das Schlachtfeld von ihnen zu befreien. Um genau zu sein, kümmerte ich mich um die wieder verwendbaren Dinge. Waffen, Ausrüstung, Pferde, die im Gegensatz zu den Rekruten ihren Beitrag über den eigenen Tod hinaus leisteten, indem sie sich von uns zubereiten und verspeisen ließen.

Das ist aber interessant, Monsieur. Wären Sie so freundlich uns etwas über das Rezept zu verraten, an das Sie sich dabei hielten?

Diese Frage scheint ihn aufzuregen. Stendhal greift nach seinem Säbel, die unbequeme Haltung, in der wir unter dem Sofa liegen, hindert ihn jedoch daran, die Klinge vollständig herauszuziehen.

Sie halten mich wohl für einen Koch, Sie Stubenhocker!

Ich bin vor Schreck wie gelähmt. Die meiste Angst jagt mir natürlich der Säbel ein, obgleich Stendhals gefährlichste Waffe zweifellos die Feder war. Ich empfinde eine große Verlegenheit, weil ich einen derartigen Mann wütend gemacht habe.

Wo denken Sie hin! Ich spreche natürlich von ihren … ihren Untergebenen, haben die das zu Ihrer Zufriedenheit erledigt? Meine Worte verstehen es, ihn ein wenig zu besänftigen. Der Säbel verschwindet jedenfalls wieder in der Scheide. Vielleicht habe ich aber auch nur Glück, weil er ihn nicht heraus bekommt.

Wie einen ungarischen Eintopf, in einem großen Kessel, pikant gewürzt, auf Wunsch mit einer Prise Schießpulver versehen.

Das halte ich für übertrieben, lasse mir jedoch nichts anmerken.

Klingt formidabel.

Bien sur, schließlich hatten wir oft tagelang nichts zu beißen.

Ich habe gehört – ich will hier vorsichtig sein – … also man liest immer wieder … , dass es in Zusammenhang auch … also … von, von Plünderungen …

Stendhal scheint einmal mehr in Rage zu geraten. Diesmal will er mir an die Gurgel, bekommt den rechten Arm jedoch in dem schmalen Spalt, in dem wir liegen, nicht auf die andere Seite, weswegen es eher wirkt, als versuche er sich an meinem Hals festzuhalten. Ich muss unweigerlich kichern.

Aber ich habe doch gar nicht Sie gemeint, Monsieur, schließlich waren Sie kein einfacher Soldat, sondern … ein … ein Ober-, ein Höhergestellter. Ich meine überhaupt niemand persönlich, sondern ganz allgemein. Für die Geschichte dieses Landstriches ist das doch von großer Bedeutung, n’est-ce pas.

Stendhal lässt von mir ab und wischt sich die Finger der linken Hand am edlen Stoff seiner Jacke ab, als ob er sie nach einem ungestümen Griff in eine schlecht zubereitete Suppe kurz in Champagner baden müsse.

Bei einem derartigen Kräftemessen leckt niemand am Honig, Quadratmeterschädel! Da kommt es zu allerhand Unschönheiten. Während der Schlacht habe ich mich allerdings in Wien befunden. Damals, wie Sie wissen, noch beschränkt auf …

Schon gut, das ist hinlänglich bekannt.

Ich war dort nicht nur mit einem Spezialauftrag betraut, sondern darüber hinaus von einem Fieberschub ans Bett gefesselt.

War es tatsächlich nur das Fieber, das Sie ans Bett fesselte? Ich weiß nicht, woher ich den Schneid dazu nehme. Kann es sein, dass die Schilderungen dieses großartigen Romanciers mich beflügeln?

Und hat es sich dabei wirklich um Ihr Bett gehandelt?

Was fällt Dir ein, Bettnässer? Stendhal beruhigt sich jedoch schnell wieder, gegen Anschuldigungen in Zusammenhang mit amourösen Abenteuern protestieren Angehörige der napoleonischen Armee höchstens andeutungsweise.

Das Gefecht habe ich jedoch von der Befestigungsanlage aus mitverfolgt. 

Wow, da konnte man soweit …

Während das Gemetzel in vollem Gange war, wurden Fernrohre verliehen. Übrigens nur eines an je eine Person. Lach’ nur, diese Extravaganzen gehörten genauso zum Schlachtenzirkus wie die Wahrsager, Erfinder, Gaukler und Marketenderinnen innerhalb der Entourage einer Armee.

Und von dort aus analysierte man dann den Hergang der Schlacht?

Das blieb dem Feldherrnhügel vorbehalten, Tapetengesicht. Hier überprüfte man eher, wie so etwas denn nun aussieht. Die beste Gelegenheit für zarte Geschöpfe in Ohnmacht zu fallen und für galante Herren, ihre Arme als Fallgrube anzubieten.

Und das alles, während wenige Kilometer entfernt, zigtausende junge Männer mit Gewehren und Bajonetten aufeinander losgingen.

Während die Artillerie unablässig feuerte, Husaren brüllend Attacken ritten, und Infanteristen darauf warteten, entweder von einer Kugel getroffen, von einem Säbelhieb aufgeschlitzt oder von einem Schlachtross zertrampelt zu werden.

Ich schätze, ich habe diesen großartigen Erzähler dort, wo ich ihn haben will. Seine Schilderung gerät derart eindringlich, dass ich das hier gar nicht wiedergeben kann. Ich habe nicht mehr das Gefühl, unter meinem Sofa zu liegen, sondern in so etwas wie einem Schützengraben, in voller Deckung. Einige hundert Meter vor uns vernehme ich das Grollen einer ganzen Batterie von Kanonen. Instinktiv schütze ich meinen Kopf mit beiden Händen.

Klingt nach dem Donner eines Gewitters, Du bleibst also besser unter dem Sofa, Pantoffelheld.

(Textbeitrag: Hanno Millesi)

What Others Are Saying

  1. AnneH Jan 9, 2012 at 15:48

    Bettnässer, Tapetengesicht und Pantoffelheld :-) sehr amüsant!