Seestadt.Schreiben 2014 – August Staudenmayer #1

1.Teil

Mein erster Gedanke war: Wenn Rainer Werner Fassbinder noch leben würde, würde er folgenden Film über die Seestadt machen.

 

Ich stand da. Auf dem ehemaligen Flugfeld aus dem zweiten Weltkrieg, wo die Nazibomber rollten. Zwischen mir und der Großbaustelle standen in einem Dreieck drei Menschen. Eine Frau, hinter ihr zwei Männer. Sie hatten ihren Blick auf das Rohbauensemble mit den vielen Baukränen gerichtet. Minuten lang.
Dann plötzlich – der linke Mann sah einer Krähe nach, der rechte einem Flugzeug, die Frau an der Spitze reagierte auf den Pfiff eines Bauarbeiters. Sie drehte sich um und sah den Mann rechts hinter sich erwartungsvoll an, ich glaube, sie nannte ihn sogar mit einer langsamen Bewegung ihres Kiefers Franz.
Franz warf seine Kippe auf die Rollbahn und zündete sich eine neue an.
So standen sie. So blickten sie. Wie in einem Film von Rainer Werner Fassbinder.

 

Szene, Büro, Modegeschäft
Natürlich soll auch in der neu entstehenden Seestadt im Nordosten Wiens eine Filiale dieser internationalen Modekette eröffnet werden, wenn es so weit ist – in der geplanten Einkaufsstraße. Der Filialleiter dafür steht schon fest.
Ein Arbeitsloser lässt sich auf den schwulen Filialleiter ein, obwohl er selbst gar nicht schwul ist, nur um eine Stelle als Verkäufer zu kriegen.

Arbeitsloser: Ich mache nichts Intimes mit Männern.
Filialleiter: Aber Sie wollen die Arbeit, oder?
Arbeitsloser: Und die Liebe?
Filialleiter: Kommt auf den Vertrag an. Und der kann auch mündlich sein.

 

Szene, Wiener U-Bahn U 2, Fahrerkabine
Die U-Bahn macht auf hoher Trasse einen weiten Bogen um die Seestadt, bevor sie sich auf sie einlässt und Halt macht.
Die U-Bahn fährt bremsend in die Station „Seestadt“ ein. Der Fahrer stöhnt auf, in seinem Schoß liegt der Kopf eines Mannes. Durchsage über die Lautsprecher: „Endstation, bitte alle aussteigen.“ Die Tür öffnet sich, der Mann hüpft aus der Kabine und zündet sich sofort eine Zigarette an, geht aber noch einmal zurück und küsst den Fahrer kurz und heftig.

 

Szene, Seestadt, Baugelände
Der Filialleiter (= der Mann, der den U-Bahnfahrer oral verwöhnt hat) wartet vor der Großbaustelle auf der riesigen betonierten Fläche (dem ehemaligen Flugfeld, wo die Nazibomber landeten), eine Zigarette rauchend. Er blickt auf die Baukräne, zählt sie, kommt bis dreißig. Eine Frau nähert sich ihm von hinten.

 

Szene, Seestadt, Rundweg um die Großbaustelle
Der Filialleiter und die Frau gehen nebeneinander her. Der Weg ist schotterig uneben und erdig, aber trocken. Der Filialleiter raucht.

Frau: Ich weiß etwas … ich habe Unterlagen, dass Sie Ihre Firma in den letzten zwei Jahren um einige tausend Euro betrogen haben. Sie haben einfach bei den Tagesabrechnungen Ihrer Filiale herumgetrickst.
Filialleiter (einen tiefen Zug nehmend): Woher wissen Sie das?
Frau: Sie müssen Ihre Buchhalterin netter behandeln.
Filialleiter: Und was wollen Sie jetzt?
Frau: Dass Sie meinen Mann einstellen, ohne dass er mit Ihnen schlafen muss.
Filialleiter: Warum tun Sie das? Ist Ihnen das nicht zu gefährlich?
Frau: Außerdem will ich, dass Sie meinen Mann zu Ihrem Stellvertreter machen. Vorerst. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Für später werden wir sehen.

Sie bleiben vor einer Baumgruppe neben den Containerbehausungen der Bauarbeiter stehen, sehen sich um, saugen die Luft ein. Der Filialleiter tritt seine Zigarette aus.

Filialleiter: Ich liebe diese Pappeln.
Frau: Wieso?
Filialleiter: Weil sie so gotisch sind.
Frau: Und?
Filialleiter: Weil sie in den Himmel wachsen.
Frau (muss wegen plötzlichen Flugzeuglärms schreien): Um mit den Flugzeugen zusammen zu stoßen? Wir befinden uns offenbar in einer Einflugschneise.
Filialleiter (im Normalton): Der richtige Ort für ein Drama.
Frau (nach einer Pause): Jedenfalls ein wunderbarer Standort für die Karriere meines Mannes. Und es ist genügend Platz. Ich persönlich mag Weiden lieber.
Filialleiter (zündet sich eine neue Zigarette an): Leider ist er nicht schwul.
Frau: Wenn ich irgendwie davon profitieren würde, könnte er es vielleicht werden. In Ausnahmefällen.

Sie grinst ihn (mit ihren großen Zähnen an) an. Sie gehen weiter.

 

Szene, Büro, Modegeschäft
Der Filialleiter und der Arbeitslose sitzen sich gegenüber.

Filialleiter: Sie haben den Job. Willkommen in unserem Unternehmen.

Er steht auf und hält seine Hand hin.
Der Arbeitslose bleibt sitzen, bevor er langsam aufsteht. Er greift in seine Jackentasche und zieht einen Revolver heraus.

Arbeitsloser: Wenn Sie mich noch einmal berühren …

 

Szene, Rückblende, Wohnung, Vorzimmergarderobe
Die Frau des Arbeitslosen geht an die Jacke ihres Mannes, zieht seinen Revolver heraus, öffnet die Patronenkammer und entnimmt ihr alle Patronen. Dann steckt sie den Revolver zurück in die Jackentasche ihres Mannes.

 

Szene, Büro, Modegeschäft
Arbeitsloser (hält den Revolver auf den Filialleiter gerichtet): … dann kracht’s. Damit Sie sehen, wie ernst ich es meine.

Der Filialleiter geht um den Schreibtisch herum, erfasst den Arbeitslosen im Genick, zieht ihn zu sich und küsst ihn heftig mit der Zunge. Der Arbeitslose lässt es über sich ergehen, drückt ab, es macht nur Klick, sechs Mal Klick.

Filialleiter: Willkommen in meiner Filiale.

 

Szene, Seestadt, Baugelände
Einige Kräne drehen ihre Arme hin und her, gleich schlanken Tänzern mit tonnenschwerer Last. Hämmern, Bohren, Schlagen, Sägen, Schrauben, Krachen, Aufheulen von Motoren …

Filialleiter (schreit wegen des Baulärms): Wenn du sofort einen Job brauchst, kann ich dir vielleicht einen vorübergehend auf der Baustelle verschaffen. Ich kenne den Polier von … (er zeigt auf den hintersten Abschnitt der Baustelle) … dort.
Arbeitsloser (schreit): Auf dem Bau?
Filialleiter (schreit): Hilfe ist überall nötig.
Arbeitsloser (schreit): Als Hilfsarbeiter.
Filialleiter (nimmt seine Hand): Deine schönen zarten Hände werden dann rau und aufgeplatzt sein.
Arbeitsloser (schreit): Meine Tochter ist krank. Die Medikamente sind teuer. Ich nehme jeden Job.

Der Filialleiter küsst die Hand des Arbeitslosen.
Ein Arbeiter vom nahen Rohbau sieht aus dem dritten Stock zu ihnen herunter und macht obszöne Gesten.

 

Szene, Wohnung des Arbeitslosen und seiner Frau
Die Frau zieht sich gerade an. Der Filialleiter steht am Fenster und raucht.

Filialleiter: Habt ihr eine Tochter?
Frau: Wir haben keine Kinder.
Filialleiter: Hat er eine Tochter?
Frau: Wenn er Geheimnisse hat, ist alles möglich. Aber das glaube ich nicht.
Filialleiter: Dann versteh ich nicht, warum er sich auf dem Bau schinden lässt.
Frau: Er ist ein Idiot.
Filialleiter: Ich hab ihm versprochen, dass er in den Verkauf kommt.
Frau: Aber er ist mein Idiot.
Filialleiter: Aber … ich müsste ihm jeden Tag in die Augen sehen … und auch an dich denken.
Frau: Mach mir bitte mein Kleid zu.
Filialleiter: Du riechst nach diesem anderen Idioten.
Frau: Der ist immerhin dein Chef. Der Oberste, hast du gesagt.
Filialleiter: Ihr Frauen macht weder nach unten noch nach oben Halt.
Frau: Halt gibt es bei uns keinen.

 

Szene, Hinterzimmer in einem türkisch-griechischen Lokal
Die Firmenfeier ist in vollem Gange. Musik, Alkohol usw., die Hemmungen schwinden. Der Filialleiter zieht den neuen Mitarbeiter im Verkauf an sich und zeigt damit öffentlich, wie es um ihn und den Neuen steht. Er bekennt sich zu ihm und zu ihrem Verhältnis.

Verkäufer (strahlt): Das hab ich nicht geglaubt.
Filialleiter: Siehst du, jeden Tag eine neue Überraschung.
Verkäufer: Und was kommt als nächstes?
Filialleiter: Wir entführen den Konzernchef. Wenn er in die Stadt kommt.
Verkäufer: Das ist jetzt aber Spaß.

Der Filialleiter beginnt mit ihm eng zu tanzen, worauf auch die anderen Mitarbeiter zu tanzen anfangen. Erst nur Männer mit Frauen, dann Frauen mit Frauen, dann auch Männer mit Männern.
Andere Gäste im Lokal, vor allem männliche, reagieren darauf bösartig, rufen dem Grüppchen Schimpfwörter zu, wie zum Beispiel: Schwule Säue!

 

Szene, Wiener Innenstadt
Es ist Nacht, die Frau des Verkäufers (gut gekleidet und mit hochhakigen Schuhen) kommt mit einem noblen Mann Mitte sechzig aus einem Luxusrestaurant, sie gehen ein Stück den Gehsteig entlang. Sie hakt sich bei ihm unter. Der Mann spricht schwedischen Akzent.

Frau: Sehen Sie, mein Guter, das sind alles theoretische Überlegungen. Ich aber spreche von praktischen Erfahrungen.
Mann: Wenn Sie nur davon sprechen, werden sie nie praktisch.

Er will sie küssen, sie wehrt ihn ab.

Mann: Wir sagen noch nicht einmal Du zueinander.
Frau: Ich fürchte, wenn wir uns duzen, war das schon der Höhepunkt.
Mann: Das läge an Ihnen.
Frau: Ist das nicht Ihr Porsche?
Mann: Theoretisch schon.
Frau: Lassen Sie mich fahren?

Er gibt ihr den Schlüssel, schwankt plötzlich ein wenig. Er greift sich an den Kopf.

Frau (ihre großen Zähne blitzen im Mondlicht auf): Was ist mit Ihnen?

Er steigt ein, versinkt im Beifahrersitz, und schläft augenblicklich ein. Sie startet grinsend den Motor.

 

Szene
Eine (audio-visuelle) Collage aus Presseberichten in den Zeitungen und Fernseh- und Radioberichten von der Entführung des schwedischen Konzernchefs einer internationalen Modekette in Wien.

 

Szene, Blick auf die Seestadt, Fokus auf eine kleine Bauhütte im Westen des Baugeländes
Die Tür geht auf, der Blick führt hinein, auf dem Boden an der hinteren Hüttenwand kauert gefesselt und mit verklebtem Mund ein Mann im teuren Anzug. Es ist der entführte schwedische Konzernchef.
Der Filialleiter reißt ihm das Pflaster vom Mund.

Filialleiter: Na, wie lebt sich’s hier in der Seestadt? Das wird mal ne vornehme Gegend. Und noch dazu ein eigener U-Bahnanschluss.
Gefangener (mit schwedischem Akzent): So kommen Sie nicht durch. Man wird nicht so viel für mich zahlen. Diese Summe ist unrealistisch.
Filialleiter: Wir nehmen auch die Hälfte.
Verkäufer (fuchtelt mit dem Revolver vor der Nase des Gefangenen herum): Wir nehmen auch ein Drittel.
Filialleiter: Psst! Sag das nicht, sonst glaubt er noch, er ist nichts wert.
Verkäufer: Ich würde ihn gerne vergewaltigen.
Filialleiter: Lass das. Wir sind ja keine Tiere. Ich muss mal pissen. (geht hinaus)
Gefangener (ruft dem Filialleiter nach): Lassen Sie mich mit dem nicht allein!
Verkäufer: Warum? Weil ich Araber bin? Weil ich der mit dem Sprengstoffgürtel bin?

 

Szene, U-Bahnstation, Bahnsteig
Kurz bevor die U-Bahn abfährt (und während der Durchsage: „Steigen Sie nicht mehr ein“), wirft jemand ein Stoffbeutelpaket auf das Wagendach an der Spitze der U-Bahn und geht schnell davon.
Zwanzig Meter weiter steht in der Menge der wartenden Fahrgäste die Frau des Verkäufers mit schwarzer Sonnenbrille. Sie nimmt ihr Handy und wählt. Die U-Bahn fährt los.

 

Szene, U-Bahn, Fahrerkabine
Das Handy des U-Bahnfahrers (den wir von der zweiten Szene kennen) läutet, der Fahrer nimmt an.

Frau des Verkäufers (Stimme aus dem Handy): Das Paket liegt direkt über dir. Ein Kinderspiel.

 

Szene, U-Bahnsteig
Die Frau des Verkäufers geht an einem Werbeplakat für elektrische Zahnbürsten vorbei und bleckt ihre Zähne.

 

Szene, U-Bahnfahrt, Tunnel
Der U-Bahnfahrer klettert während der Fahrt halb aus dem Fenster, greift nach oben nach dem Stoffbeutel, erwischt ihn gerade noch am Träger, klettert wieder zurück in die Fahrerkabine, schließt das Fenster und versteckt den Beutel in seinem Rucksack, gerade noch rechtzeitig bevor er in die nächste Station einfährt.

 

Szene, Seestadt, Baugelände
Der entführte schwedische Konzernchef hängt – mit Seil um den Leib – an einem Baukran, Schild vor der Brust: „Zur Abholung bereit“, darunter ein krakeliger Smiley.

 

Szene, Schrebergarten in Aspern (unweit der Seestadt)
Hinter dem Gartenhaus ist eine kleine verwilderte Wiese. In der Ferne sind die Baukräne zu sehen.
Der Filialleiter, der Verkäufer und seine Frau lassen sich auf Campingliegen und mit Drinks in der Hand die Sonne auf den Bauch scheinen. Das Paket liegt geöffnet auf einem Campingtischchen, zu sehen sind eine Menge zerwühlter Bündel Geldscheine.

Verkäufer: Ich hole mir noch was zu trinken. Wollt ihr auch was?

Die beiden Anderen winken ab. Der Verkäufer verschwindet im Schrebergartenhäuschen.

Frau: Hast du’s ihm schon gesagt?
Filialleiter: Wieso? Du wolltest doch.

Der Verkäufer kommt mit einem vollen Glas in der Hand zurück.

Filialleiter: Na, was hast du vor mit deinem Anteil?
Verkäufer (druckst herum, räuspert sich, richtet sich an seine Frau): Du. Ich wollt’s dir schon sagen, ich … lasse mich von dir scheiden. Ich will (wendet sich an den Filialleiter) mit ihm zusammen sein.

Der Filialleiter will aufspringen, kippt aber mit seiner Campingliege um.

Frau: Schätzchen, du verkennst die Lage. Ich und er … (sie zeigt auf den Filialleiter)
Filialleiter (rappelt sich hoch): Das kam so, lass dir erklären …

Der Verkäufer zieht seinen Revolver.

Verkäufer: Nein. So läuft das sicher nicht. (er richtet den Revolver auf den Filialleiter)

Diesmal ist er geladen.

Filialleiter: Nein, hör mal zu, ich hab eine Idee.

Der Verkäufer erschießt seine Frau und den Filialleiter nicht, wie er es vorhatte, falls sie Probleme machten, sondern hört sich die Idee des Filialleiters an. Sie ziehen zu dritt in eine große Wohnung und gründen eine Wohngemeinschaft.

 

 

 

 Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Stadt.Schreiben, im Rahmen dessen sich drei AutorInnen auf ihre individuelle Art literarisch mit der entstehenden Seestadt auseinandersetzen. Der Inhalt spiegelt die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider und muss nicht der Meinung des Stadtteilmanagements Seestadt aspern entsprechen.