Seestadt.Schreiben – August Staudenmayer #5

5. Teil

Wenn Rainer Werner Fassbinder noch leben würde, würde er folgenden Film über die Seestadt machen.

Szene, Feld in der Nähe der U-Bahnstation Asperner Straße
Franz (dahinstapfend, keuchend, der Wind bläst ihm stark ins Gesicht, schreit in sein Smartphone):
In meinem letzten Beitrag habe ich Jean-Luc Godard – absichtlich – sterben lassen, um zu sehen, ob es jemandem auffällt und zu sehen, ob es vielleicht jemanden gibt, der dagegen protestiert. Bis jetzt hat niemand protestiert.
(Atempause)
Es ist Herbst geworden. Ich hänge im Wind rum. Ein Baukran ersetzt keine Familie. Irgendwo da oben existiert etwas Größeres. Es scheint mir nichts auszumachen, es so zu nennen. Aber da ist ein betrunkener Baukran unachtsam und löscht ein paar Hundert Tonnen Natur aus. Nur so, durch einen Armstreich. Er macht Feierabend. Ich hänge im Wind rum. Der Wind biegt die Pappeln zu Boden. Sie nicken, sie neigen sich dem Ende der Spielzeit zu. Bald wird es Ernst hier mit der Verstädterung. Die Pappeln machen den Kotau. Und ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Ich weiß ganz und gar nicht, ob mir das gefallen soll.

 

Szene, U-Bahnausgang Seestadt
Franz und Abdul treffen sich auf der ehemaligen Rollbahn, sie küssen sich zur Begrüßung. Abdul trägt eine Fotokamera in der Hand. Franz zündet sich eine Zigarette an.

Abdul: Du musst mir sagen, wovon ich n’Foto machen soll.
Franz: Details. Was dir so auffällt.

Abdul schirmt seine Augen mit der Hand und blickt zu den Häusern.

Abdul: Die Kräne sind wie Farbstifte, die die Häuser anmalen.
Franz: Die waren mal zu Vierzigst. Jetzt ist ein halbes Dutzend übrig.
Abdul: Kräne kommen und gehen.
Franz: Violetter Klee.
Abdul: Die Balkone dort sind im selben Violett.

Die beiden machen sich auf den Weg zu dem halbfertigen Gebäudeensemble. Abdul macht ein Foto von einem riesigen Transparent „Seestadt Aspern – Endlich am Ziel“.
Sie stehen vor einem Haus, das bereits bewohnt aussieht.

Franz: Hier sollen die ersten Leute wohnen.

Abdul schießt Fotos von Balkonen, worauf Topfpflanzen und Gartenmöbel stehen.

 

Szene, Seestadt, in der Baustellenkantine
Abdul und Franz betreten die Baustellenkantine, setzen sich und bestellen sich zu trinken.

Abdul: Eine Cola und eine Flasche Bier für drei Euro fünfzig, super günstig!
Franz: Hast du Hunger?
Abdul: Hab noch nicht mal gefrühstückt, und jetzt ist es drei Uhr.
Franz: Ich lade dich ein.

Die Kellnerin, eine schöne Kroatin, kommt an ihren Tisch.

Abdul: Wie heißt das, was der Arbeiter da am Nebentisch isst?
Kellnerin: Das ist Pljeskavica.
Abdul: Bleschkawitzka?
Kellnerin: Pljeskavica.
Abdul: Das nehme ich.
Kellnerin: Suppe?
Abdul: Ne, danke.
Franz: Für mich nur einmal Pommes. Und einen kleinen Schwarzen.

Franz: Der Platz da draußen heißt Hannah-Arendt-Platz. Weißt du, wer das war?
Abdul: Bin doch nicht doof.
Franz: Ne, bist du nicht.
Abdul: Ne jüdische Philosophin.

Franz bekommt den Schwarzen.

Franz: Was ich dich noch fragen wollte … unsere Wohngemeinschaft – ist die noch okay für dich?
Abdul: Das Haus ist schäbig, die Gegend könnte netter sein, aber sonst ist’s okay.
Franz: Ne jüdische Philosophin, die sich mit den Juden in Israel angelegt hat.
Abdul: Hier zu wohnen, das würde mir gefallen.
Franz: Und hier auch gleich arbeiten und sich hier verlieben und Familie mit Kindern und Freiheit ade und aus Schluss basta Ende Punkt. Der Friedhof in Aspern ist nicht weit.
Abdul: Mein Essen kommt. Gibst du mir den Ketchup rüber?
Franz: Mahlzeit.
Abdul: Ich möchte es schön haben im Leben, arbeiten, was zur Verfügung und so, aber Hautfarbe ist immer noch eine Frage von Wohlstand.
Franz: Umgekehrt, du meinst: Wohlstand ist eine Frage der Hautfarbe.
Abdul: Siehst du, du bringst mich ganz durcheinander. Kann ich jetzt bitte den Ketchup haben? Oder stört dich die Farbe Rot auf meinem Teller? (Abdul macht ein Foto von seinem Essen)

 

Szene, Feld in der Nähe der U-Bahnstation Asperner Straße

Franz (dahinstapfend, keuchend, der Wind bläst ihm stark ins Gesicht, schreit in sein Smartphone):
Die Pappeln machen den Kotau vor der neuen Stadt. Ich sehe alles verkehrt, weil ich verliebt bin.

Wohnen – was ist das
„Ruhet in Frieden?“
Ein Raum im Raum im Raum …
Wohnen – was ist das
„Schlafen neben dem Kind?“
Eine Schachtel in der Schachtel in der Schachtel …
Wohnen – was ist das
„Erwachen im Süden?“
Eine Krümmung in der Krümmung in der Krümmung …
Wohnen – was ist das
„Lustig in die Welt hinein?“
Ein Embryo im Embryo im Embryo …
„Will kein Gott auf Erden sein …“
Kann nicht oben unten sein?
„… sind wir alle Götter!“

Ein kaputtes Fenster
(eben erst eingesetzt)
Ein blindes Auge
(eben erst …)
Eine Totgeburt
(eben …)
/lustig/
Der verletzte Kran
der verletzende
der vorletzte
die Hebamme vom Dienst
schämt sich

Das Klischee
„Du kannst nicht
gleichzeitig
Lyrik lesen
und ein Kind verprügeln“
ist so was von beschissen falsch
/lustig/
Bauarbeiter singen Chansons
und ihre Kinder sitzen
als Sozialarbeiterruten
im Fenster
Eben WEIL

Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Stadt.Schreiben, im Rahmen dessen sich drei AutorInnen auf ihre individuelle Art literarisch mit der entstehenden Seestadt auseinandersetzen. Der Inhalt spiegelt die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider und muss nicht der Meinung des Stadtteilmanagements Seestadt aspern entsprechen.