Seestadt.Schreiben – Judith Nika Pfeifer #6

Judith Nika Pfeifer mit ihrem sechsten Seestadt.Schreiben Beitrag:

CINÉMA DE PARIS

exquisite corps* spielen mit thomas ballhausen, andrea grill, hanno millesi, robert prosser, august staudenmayer und mir selbst

andrea sagt, in claires knie, dem film von éríc rohmer, seien die menschen froh am land, weil sie wissen, dass es eine stadt gibt. august sagt, wenn rainer werner fassbinder noch leben würde, würde er folgenden film über

die seestadt machen. thomas sagt, ich solle den stadtplan einer beliebigen stadt nehmen, in der ich unterwegs sein möchte. und ein glas mit dem rand nach unten auf einer beliebigen stelle platzieren und den rand des glases vollständig oder in teilen nachzeichnen und versuchen, die vorgegebenen linien möglichst genau abzugehen. hanno sagt, die karten stimmen nicht mehr, die wirklichkeit hat sich

verändert. sie warten, dass ich das mit dem glas mache. dass ich mir eine stadt aussuche. ich habe einige städte in der tasche. mein glas ist noch nicht leer. ich trinke aus und warte mit dem umdrehen bis der letzte tropfen verdunstet ist, sonst wird uns noch der ganze plan kaputt, sage ich, der ganze plan mit montréal. ich will ins cinéma de paris, rue sainte catherine ouest, weil sie immer noch

über filme reden. das cinéma de paris hatte art film house programm laufen, innen war alles voll mit plüschrotem samt oder samtig dunkelrotem plüsch und alten filmplakaten. auf wien umgelegt: eine mischung aus filmmuseum, votiv kino, burg kino, filmcasino und admiral (kino), vom rot-ton der sitze her: urania-ähnlich, nur plüschiger, liebesrot. ich wohnte quasi ums eck

in der rue aylmer. das war nach dem souterrain-zimmer in der avenue mac donald, nach der wg am chemin de la côte ste. catherine und vor der netten gartenwohnung in der rue duluth, ecke drolet. nach der arbeit ging ich zu freunden oder ins kino oder in ein konzert oder mit freunden in ein konzert oder ins kino. nach dem kino/ film gingen wir auf parties oder ins bett oder setzten uns auf die feuerleiter vor meinem küchenfenster oder auf das abgefuckte sofa auf der dachterasse von lauries hausgemeinschaft, rauchten und

hatten spaß. das cinéma de paris war cool, und mainstream-menschen hätten seinem charme wenig bis nichts abgewinnen können, es war kein ort für ein mainstream-date. es war der einzige ort in montréal – das rialto hatte geschlossen – an dem auch immer wieder klassiker gezeigt wurden. es war teil der kulturellen stadtlandschaft montréals. ein wahrzeichen

für viele. ich bewege das glas über den stadtplan, mache einen kreis. ich dachte, es würde für immer da sein. stattdessen – dana sagt, es war 1997, als der vermieter sich weigerte, das kino zu heizen – hat es für immer geschlossen. hanno sagt erneut, die karten stimmen nicht mehr, die wirklichkeit hat sich verändert. robert sagt, wichtig ist vor allem eins: zeit. ich bewege den glasrand über den mont royal, über die avenue du parc, tam tam, die avenue de l‘esplanade zu philippe und keith. wichtig sind vor allem: zeit, raum und

menschen, die in kalten wintern kinosäle beheizen. und solche, die sich erwärmen lassen. ich lege mein glas an den boulevard saint laurent ecke rachel. wir könnten ins patati et patata schauen, auf eine poutine. oder ins eurodeli auf eine pizza.

 

 

die zitate der autor_innen sind dem blog seestadt schreiben bzw. dem buch reise in eine mögliche stadt erschienen 2013 im falter verlag entnommen.

* wikipedia sagt, exquisite corpse bezeichnet eine im surrealismus entwickelte spielerische methode, dem zufall bei der entstehung von texten und bildern raum zu geben.

 

 

Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Stadt.Schreiben, im Rahmen dessen sich drei AutorInnen auf ihre individuelle Art literarisch mit der entstehenden Seestadt auseinandersetzen. Der Inhalt spiegelt die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider und muss nicht der Meinung des Stadtteilmanagements Seestadt aspern entsprechen.