Seestadt.Schreiben – Robert Prosser #4

Die Großbaustelle Aspern-Seestadt erschafft bleibende Lebensräume. Mich, als Teil des diesjährigen Blog-Trios, interessiert, welche Veränderungen und Umbrüche in der Gegenwart des Kran- und Zementspektakels zu entdecken sind. In unregelmäßigen Streifzügen, so mein Vorhaben, soll das Gelände durchkreuzt werden, um Geschichten, Meinungen, Geschehnisse zu sammeln.

 

Der Gärtner (Teil 2)

Die Materialien, die im Sprungbrett weiterverarbeitet werden, stammen mitunter von Arbeitern, die, vom Erfindergeist angetan, vorbeibringen, was auf dem Seestadt-Baugelände ansonsten am Müll landet: zerdellte Rohre, gesplitterte Latten, verbogene Eisengitter. Vor zwei Jahren, erzählt der Gärtner, war er bei einer Frühlingsfeier erstmalig am Gelände. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Ubahn-Station, der Weg nach Aspern war mit entsprechendem Aufwand verbunden. Zwischen Bäumen und Strauchwerk stand einzig eine auf einer Holzplattform errichtete Jurte, worin man sich traf, um Kontakte zu knüpfen, Pläne auszuhecken. Viele, die ähnlich ihm selbst durchs Hörensagen das Sprungbrett mit Begeisterung entdeckt hatten, fehlte es am Knowhow, ihre Ideen alternativer Lebensart umzusetzen. Etliche planten mit Eifer zukünftige Projekte, nach demotivierenden Stunden im Feld, von regendurchnässter Kleidung und im Schlamm steckenden Stiefeln geprägt, verließ sie jedoch das Durchhaltevermögen. Seither fand nicht nur die U2 hierher, sondern auch, ohne dass es auf der nur wenigen Meter entfernten Großbaustelle bemerkt worden wäre, eine Riege illustrer Gäste, die von allfälligen Widrigkeiten nicht unterzukriegen ist: Von einer Reisegemeinschaft namens Duna-Vision, die sechs Monaten lang dem Lauf der Donau folgte, vom Ursprung bis zur Mündung ins Schwarze Meer, über eine Gruppe, die von Stockholm bis nach Athen zu Fuß ging, bis hin zur weltweit tätigen Rainbow-Community, die ein naturnahes, zivilisationsfernes Dasein propagiert – diese und einige mehr, wie Pilger beispielsweise, die von heiligen Stätten Asiens gekommen einen Ort zum Durchatmen suchten, bevor sie endgültig in die vor langem verlassene Heimat zurückkehrten, machten auf den Asperner Äckern Halt. Im Windschatten der Baustelle geschah und geschieht ein Kulturaustausch, den man in dieser Vielfalt an anderen Orten Wiens erst finden müsste. Der Gärtner fragt sich, ob es möglich sein wird, trotz der Wohnblocks die vielfältige Tierwelt Asperns zu bewahren. Ums Sprungbrett, von den Ubahnstationen über die Baustelle bis zu den Siedlungsstraßen, teilen sich Fasane, Feldhamster, Eidechsen, Kröten, Weinbergschnecken und verschiedenste Greifvögel ihre Reviere. Die Seestadt, betont er, ist ein Stadtentwicklungsprojekt, das auf einem Areal mit enormen Artenreichtum umgesetzt wird. Und das, gibt der Gärtner zu bedenken, obwohl die Äcker vom Herbst bis ins Frühjahr einer Dreckwüste gleichen. In dieser Hälfte des Jahres, wenn kein Getreide wächst, sich keine Halmspitzen im Wind wiegen, zeigt sich die in Aspern gepflegte, agraische Monokultur in all ihrer Hässlichkeit. Was der Gärtner dagegen schätzt, ist die Dynamik, die das Sprungbrett erlaubt. Knapp war er davor, aus Wien fortzuziehen, doch als sich die Möglichkeit ergab, hier mitzuwirken, änderte er seine Entscheidung. In der Randzone handelt und denkt man anders als im historisch überfrachteten, unterm Habsburger-Erbe erstickendem Zentrum Wiens, ein Schaffensdrang, sagt der Gärtner, der höchstens unterbrochen wird, wenn der Entminungsdienst durch die Felder kurvt, auf der Suche nach Altlasten des Zweiten Weltkrieges.