Seestadt.Schreiben 2014 – Robert Prosser #1

Die Großbaustelle Aspern-Seestadt erschafft bleibende Lebensräume. Mich, als Teil des diesjährigen Blog-Trios, interessiert vielmehr, was in der Gegenwart des Kran- und Zementspektakels, in dessen Abseits zu entdecken ist. In unregelmäßigen Streifzügen, so mein Vorhaben, soll das Gelände durchkreuzt werden, um Geschichten, Meinungen, Geschehnisse zu sammeln.

1. Die Puppenspielerin (Wagensiedlung Gänseblümchen)

Anfang Mai, während erste Bäume um den von Klatschmohn rot beflankten See gesetzt werden, quere ich die Schuttanlage, auf der anderen Seite der Bahntrasse gelegen, zu den Gleisen, die im Fabriksareal von General Motors Austria verschwinden. Vorbei an abgestellten Güterwaggons erreiche ich durch kniehohes Gestrüpp die Wagensiedlung Gänseblümchen. (Es gibt eine einfachere Möglichkeit, dorthin zu gelangen, nämlich ab der Ubahnstation Aspern Nord der Ostbahnbegleitstraße Richtung Essling zu folgen, was mir allerdings erst während des Rückweges klar wird.) Anfangs befand sich die aus verschiedensten mobilen Gefährten bestehende Kolonie unweit des nördlich der Großbaustelle gelegenen Parkplatzes, ist nun aber, nach Zwischenstation am Straßenrand, auf einem parallel zu den Gleisen verlaufenden Schotterweg angelangt. Der derzeitige Standort ist ein neuerliches Provisorium, der Vertrag mit der Stadt Wien nur von begrenzter Dauer. Dieses forcierte Wandern der mehr oder weniger ersten Bewohner der Seestadt ist zum Teil auf Meinungsverschiedenheiten mit der „Wien 3420 Aspern Development AG“ zurückzuführen, deren Erwähnung im Gänseblümchen nicht unbedingt zu Sympathiebekundung führt, ist ein Wagenmensch (Selbsttitulation) doch kein Nomade per se, sondern sucht eine, mit herkömmlichen Wohungsangeboten zugegeben wenig kompatible, Form selbstbestimmten Lebens.

 

Als ich mich durchs Gestrüpp am Rand des Ackers kämpfe, werde ich von A. neugierig beobachtet. Na, wo kommst du denn her? fragt sie mich, auf der Außentreppe eines blaugelb bemalten Zirkuswagens stehend. Es beginnt leicht zu regnen und sie lädt mich in ihren nebenan stehenden Bus ein, zu einer Tasse Tee mit frisch gepflückten Hollerblüten. A. ist erst seit kurzem im Gänseblümchen wohnhaft. Den Wagen hat sie für 800€ vom Circus Belly gekauft, eine verschimmelte, rollende Baustelle mit undichtem Dach, die sie bis zum nächsten Winter auf Vordermann gebracht haben will. Seit 8 Jahren, erzählt sie, ist sie im Bus unterwegs, als Zirkuspädagogin Schulen abklappernd, um den Kindern das Artisten-Dasein vorzustellen. Als Puppenspielerin wirkt sie freischaffend, flexibel wie der Lebensstandort zeigt sich ihre Kunstfertigkeit: Handpuppen, Schuhschachteltheater und eine große Klamaukpuppe sind die Darsteller eines Repertoires, das selbstverfasste wie fremde Stoffe beinhaltet. Eine ihrer eigenen Geschichten erzählt von einer Hexe mit Katzenallergie, was diese in einer Märchenwelt, in der die Prinzessin ihren Frosch und der König seine Königin hat, zu Monologen verführt, die humorvoll um Aspekte der Einsamkeit kreisen.

 

Aufgewachsen in Rheinland-Pfalz kaufte sie sich nach dem Studium den Bus, in welchen wir sitzen, um drauflos zu fahren mit dem Ziel, ihren Platz im Leben zu entdecken. Das Resultat nach acht Jahren: sie hat viel Leben gefunden und ebenso viele Plätze, jedoch keinen fixen Standort. Was als Konstante blieb, egal ob in England, Spanien oder Israel, ob sommers im Norden oder winters im Süden, war und ist der Bus. Den vor kurzem gefassten Entschluss, sesshaft zu werden, möchte sie mithilfe des eigenhändig reparierten Zirkuswagens umsetzen, der Ideale und der in Wien begegneten Liebe wegen.

Es gibt, sagt A. und man spürt die Überzeugung, die in ihren Worten steckt, nichts schöneres, als im Wagen zu leben, es ist ehrlich und aufrichtig, weil man die Natur anders, näher wahrnehmen kann. Kurz darauf bricht das Gewitter los, die von Schwechat kommenden oder dorthin steuernden Flugzeuge verschwinden in den tiefhängenden Wolken, und sie öffnet die Schiebetür des Busses einen Spalt weit auf tropfnasse Wiesen und Äcker, die in den nächsten Jahrzehnten zur Seestadt verbaut werden, noch aber, für ein Unwetter zumindest, die Ansichten A.s glaubhaft bestätigen.

 

Wichtig ist vor allem eins: Zeit. Wenn sie hier ist, sagt A., spürt sie, wie reich sie ist, weil ihr Alltag sich an natürliche Rhythmen orientieren darf, die das hektische Stadtzentrum verwehrt. Von Mietkosten befreit, lässt es sich in einer Art leben, die über wenig Besitz und viel Raum zur Selbstentfaltung verfügt. Das, sagt A., macht einige Menschen neugierig, andere dagegen haben nur Ablehnung übrig, vielleicht, vermutet sie, aufgrund altbekannter, rechtspopulistisch angeheizter Klischees. (Das im Gänseblümchen anzutreffende soziale Spektrum ist in Wahrheit, scheint mir, ebenso vielfältig wie jenes, das in der Seestadt zu finden sein wird.) Den Nachbarn der hinter Bahndamm und Wald gelegenen Häuserreihen ist die Ansammlung der Wägen in erster Linie suspekt. Vor kurzem kam einer von ihnen vorbei, der erste, der sich ein eigenes Bild machen wollte. Er blieb einige Stunden und reagierte auf das Gänseblümchen wie Allergiker auf Pollenflug, allerdings im verkehrten, sprich äußerst positiven Sinne. Früher hingen Puppenspieler, kamen sie in eine neue Stadt, weiße Wäsche aus ihren Wägen, um zu zeigen, dass man nichts von ihnen zu befürchten habe, erzählt A. – heute wäre ein Gespräch, der Wille zum gegenseitigen Kennenlernen, nötig.

 

 

 

 Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Stadt.Schreiben, im Rahmen dessen sich drei AutorInnen auf ihre individuelle Art literarisch mit der entstehenden Seestadt auseinandersetzen. Der Inhalt spiegelt die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider und muss nicht der Meinung des Stadtteilmanagements Seestadt aspern entsprechen.